Es gibt Golfreisen, die plant man. Und es gibt Trips, die passieren – jedes Jahr wieder, fast wie ein Ritual. Myrtle Beach, an der Küste South Carolinas gelegen, gilt vielen Aktiven mit seinen mehr als 110 Plätzen als Mekka unseres Sports. Für meine Buddies und mich bedeutet es weit mehr. Die Destination steht für ein Stück gelebte Freundschaft, für einen Ort voller Geschichten. In jedem Frühjahr erleben wir hier so etwas wie das World Golf Headquarter unserer eigenen kleinen Community.
Myrtle Beach wird zum Treffpunkt für die Golfer
Jeweils im März treffen sich in Myrtle Beach etwa 15 Golfer. Es handelt sich überwiegend um Absolventen des Juniata College aus Huntingdon, Pennsylvania. Über 30 Jahre lang organisierte Corey Pote das Meeting und machte es zu einer Institution. Nach dessen Tod 2023 stand für uns alle fest: Diese Tradition darf nicht enden. So fiel die Wahl auf seinen Bruder Frank „Chip“ Pote, der das Ganze seither mit bemerkenswerter Hingabe fortführt.
Corey ist dennoch immer dabei – im Gespräch, in Erinnerungen und in kleinen Anekdoten, die an Tee 1 ebenso präsent sind wie beim Dinner nach der Runde.
Eine Tradition im Kalender des deutschen Golfers
Für mich als Gast von der anderen Seite des Großen Teichs markiert Myrtle Beach seit rund 15 Jahren einen Fixpunkt im Kalender. Wenn es klappt, reise ich im Frühjahr aus Kassel an, um meine Buddies zu treffen. Als Gruppe sind wir inzwischen in einem Alter angekommen, in dem man uns beim Check-in augenzwinkernd als Santa Claus Group bezeichnet. Doch wer gemütliches Bummeln über die Fairways erwartet, hat Myrtle Beach nicht verstanden. Denn der Ehrgeiz ist groß, der Wettbewerb ernsthaft – und der Spaß mindestens ebenso.
Die Mischung aus Komfort und Gemeinschaft
Wir wohnen in großzügigen Hotels oder Apartments, oft mit mehreren großen, sogenannten Combos. Dazu gehören zwei Schlafzimmer mit Bad, ein gemeinsames Wohnzimmer und die Küche. Das Golf-TV läuft natürlich non stop. Es ist diese Mischung aus Komfort und Gemeinschaft, die das Treffen auszeichnet. Hinzu kommen der Blick auf den Atlantik sowie ein direkter Zugang zum Strand – ein Zuhause auf Zeit, in dem aus Mitspielern eine Art Familie wird.
Myrtle Beach zeigt seine ganze Attraktivität
Die Golfwoche ist minutiös organisiert. Frank arbeitet mit einem Golf-Coach zusammen, der Hotels, Plätze und Tee Times plant. So geht es jeden Tag – mal früh, mal spät – auf einen der herausragenden Plätze der Region. Myrtle Beach spielt seine ganze Attraktivität aus. Die Qualität der Anlagen ist selbst im Frühjahr Tour-tauglich, die Konkurrenz der Destinationen enorm.
Golfplätze mit dem richtigen Charakter
Auf dem Programm stehen beispielsweise Man O ’War, Oyster Beach, Grand Dunes oder TPC International. Jeder Platz weist seinen eigenen Charakter aus, jeder Kurs bietet das Versprechen, dass man heute vielleicht den einen perfekten Schlag trifft, den man noch Wochen später erzählen wird!
So werden aus Golfrunden Ereignisse
Dann steht man da. Sieben bis acht E-Carts warten am ersten Abschlag, es folgt ein kleines Spalier aus Freunden, Kommentaren und Scherzen. Sofort wird klar: Das ist nicht nur eine Runde, das ist ein Ereignis. Jeder Drive wird gefeiert oder kommentiert, jeder Slice bekommt Applaus und Spott zugleich. Jeder gelungene Schlag wird so behandelt, als hätte man gerade das Masters entschieden.
The Yellow Ball: ein Wettbewerb der Extra-Klasse
Der Wettbewerb läuft über mehrere Tage. Sieger werden gekürt und Ergebnisse verglichen. Der heimliche Star ist eine Spielvariante, die gleichermaßen gefürchtet wie geliebt wird: The Yellow Ball. Jeder Flight bekommt einen gelben Ball, der abwechselnd gespielt werden muss, idealerweise bis zum 18. Grün. Verschwindet die kleine Kugel allerdings schon am ersten Loch im Marshland oder Wasser, ist die Freude bei den anderen besonders groß. Dann taucht der Moment auf, der beweist: Golf ist manchmal auch Theater – nur mit besserer Kulisse ...
Alligatoren, Klapperschlangen und Schildkröten auf dem Golfplatz
Zur Kulisse gehört eine Tierwelt, die man in Europa so nicht kennt: Alligatoren, Klapperschlangen, Schildkröten. Der Marshall gibt gelegentlich gut gemeinte Hinweise. Man tut gut daran, sie ernst zu nehmen. Mitunter verbreitet sich das Gerücht: „Gator auf dem Green“ oder „Gator an der Tee-Box“. Dann steigt der Adrenalinspiegel der gesamten Gruppe. Plötzlich schaut jeder nicht nur auf die Putt-Linie, sondern auch in die Randbereiche des Roughs!
Myrtle Beach wird zum besonderen Golferlebnis
Landschaftlich bietet Myrtle Beach alles. Der Bogen spannt sich von Parkland-Courses über Sea-Trails, Atlantikblicke und Dünenlandschaften bis hin zu Marshland und Wasserwegen, die sich durch das Gelände schlängeln. Außerdem gibt es Plätze, auf denen so mancher persönliche Rekord an verlorenen Bällen fällt – zuverlässig, jedes Jahr.
Riesiger PGA Store oder der Aker Discount Store für Equipment
Keine Frage, wer bei so viel Wasser, Marsh und Bermuda-Rough regelmäßig Bälle opfert, braucht Nachschub. Kein Problem: Der riesige PGA Store oder der Aker Discount Store bieten eine beeindruckende Auswahl an Lake Balls, fein säuberlich nach Marken sortiert. Erwischt man einen günstigen Dollarkurs, wird aus dem Kauf schnell eine Shopping-Session – bis hin zum Scotty Cameron Putter für 200 Dollar.
In der Heimat steigen die Bestellungen dann sprunghaft: „Bringst du mir auch einen mit?“ Eine Frage, die man nach dem zweiten Dinner nicht mehr ignorieren kann. Das Golfen rangiert im Zentrum. Doch Myrtle Beach lebt auch vom Drumherum. Nach der Runde stehen über 2.000 Restaurants zur Auswahl, täglich ist die „Qual der Wahl“ angesagt. Mal gibt es Rodizio-Spieß, mal ist Seafood Trumpf, mal zieht es die Gruppe ins Steak House.
Alternativ rückt das Mexican Restaurant in den Fokus, anderen Tags geht es in die Sports Bar. Die Region ist kulinarisch genauso vielfältig wie golftechnisch.
Eine Golftradition, die lebt
Einräumen muss ich: So schön diese Woche ist, billig ist sie nicht. Der Flug von Frankfurt nach Charlotte und retour, Hotelkosten und Greenfees stehen einer organisierten Golfreise nach Mallorca, Portugal oder in die Türkei in nichts nach. Doch bietet mir Myrtle Beach durch seine Tradition, seine Plätze und die besondere Gruppe einen Wert, der sich nicht in Euro oder Dollar messen lässt.
Vor dem Hintergrund erscheint es mir konsequent, dass ich meine Buddies kürzlich nach Mallorca eingeladen habe – inzwischen ja sogar mit Direktflügen. Doch in meinen Augen steht fest: Myrtle Beach bleibt Myrtle Beach. Solange am ersten Abschlag sieben E-Carts stehen, ein gelber Ball fliegt und irgendwo jemand „Gator“ ruft, ist klar: Die Tradition lebt!
Textquelle: Rainhard Prison
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