Gesundheit
Veröffentlicht am: 08.03.2026 11:00, Lesezeit: 2 Minuten

Holocaust-Zeitzeuge Dr. Leon Weintraub zu Gast in Göttingen

Dr. Leon Weintraub

Göttingen. Die Medizinische Fakultät der Georg-August-Universität, Universitätsmedizin Göttingen (UMG), hat am Montag, 2. März 2026, die Ehrendoktorwürde an den Gynäkologen und Holocaust-Zeitzeugen Dr. Leon Weintraub als besondere Anerkennung und Würdigung für sein Lebenswerk und sein unermüdliches Engagement für die Menschlichkeit verliehen. An dem feierlichen Festakt in der Aula am Wilhelmsplatz nahmen rund 200 Gäste teil.

Die Ehrendoktorwürde: Eine Auszeichnung für Weintraubs Lebenswerk

Die Medizinische Fakultät der Georg-August-Universität, Universitätsmedizin Göttingen (UMG), ehrte am Montag, 2. März 2026, Dr. Leon Weintraub mit der Ehrendoktorwürde „Dr. med. h. c.“/Doctor Medicinae Honoris Causa. Er erhielt diese hohe Auszeichnung als besondere Anerkennung und Würdigung seines Lebenswerkes und für sein unermüdliches Engagement für die Menschlichkeit.

Vom Medizinstudium an der UMG zum Zeitzeugen des Holocausts

Dr. Weintraub hat in Göttingen Medizin studiert und blieb seiner Studienstadt stets verbunden. Sein Studienbeginn jährt sich in diesem Jahr bereits zum 80. Mal. Er ist Zeitzeuge des Holocausts und hält Vorträge in Deutschland und Polen, um die Geschichte und die Bedeutung dieser Zeit an nachfolgende Generationen weiterzugeben. 

Ein KZ-Überlebender kämpft sich zurück ins Leben

Zu Beginn der feierlichen Verleihung in der Aula am Wilhelmsplatz begrüßte Prof. Dr. Axel Schölmerich, Präsident der Universität Göttingen, die Gäste. Anschließend sprach Prof. Dr. Wolfang Brück, Dekan der Medizinischen Fakultät und Sprecher des Vorstandes der UMG, und nahm in seinem Grußwort Bezug auf das Leben von Dr. Weintraub – wie er sich als KZ-Überlebender zurück ins Leben kämpfte und 1946 ein Studium der Humanmedizin in Göttingen begann.

In einem während des Krieges von massiver antisemitischer Gewalt geprägten akademischen Umgebung, dessen Nachklang zu Studienbeginn noch allgegenwärtig war.

Weintraub setze sich bereits im Studium für das Leben ein


„Sie wurden Student in einem herausfordernden Umfeld und entschieden sich ganz bewusst für das Fach der Gynäkologie und Geburtshilfe, weil Sie sich für das Leben einsetzen wollten“, so Brück. 

„Bis heute, im Alter von 100 Jahren, teilen Sie noch immer Ihre Erfahrungen und erinnern an die vergangene Zeit, ohne zu belehren. Und zwar mit beeindruckender Positivität, Freundlichkeit und der Ihnen eigenen, tiefen Bescheidenheit – die mich mit Blick auf Ihre Lebensleistung sehr beeindruckt. Es ist ein großes Glück, dass wir Sie haben, dass Ihre Verbindung nach Göttingen bis heute bestehen geblieben ist, dass Sie die Erinnerung wachhalten und dass Sie so viele Menschen zur Versöhnung inspiriert haben. Dafür gebührt Ihnen unser aller Dank.“

Die 275-jährige Geschichte der Frauenheilkunde in Göttingen

Prof. Dr. Julia Gallwas, Direktorin der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe der UMG, skizzierte in Ihrem Vortrag die 275-jährige Geschichte der Frauenheilkunde an der Universität Göttingen.

Angefangen mit der Einrichtung der ersten deutschen universitären Geburtsklinik im baufälligen Armenhospital St. Crucis am Geismartor im Jahr 1751, über den Einzug der Geburtsklinik in das 40 Jahre später neu errichtete und zur damaligen Zeit hochmoderne Accouchierhaus, bis hin zum Umzug in einen Neubau in der Humboldtallee 19 im Jahr 1896.

Ein Gebäude, das den gestiegenen Anforderungen in der Frauenversorgung entsprach, bis im Jahr 1988 der Einzug in das Hauptgebäude der heutigen Universitätsmedizin Göttingen in der Robert-Koch-Straße 40 folgte. 

Das Lebenswerk von Dr. Leon Weintraub

Die Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde hielt Prof. Dr. Sascha Feuchert, Germanist und Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur sowie Geschäftsführender Direktor des Instituts für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Er gab einen Überblick über das Lebenswerk des 100-Jährigen und betonte: „Dr. Leon Weintraubs herausragendste Eigenschaft ist sein Wille zur Mitmenschlichkeit, der durch nichts zu brechen ist. Entsetzliche Verluste und brutale Leiderfahrungen haben ihn zwar geprägt, aber vermochten nichts daran zu ändern, dass er ein Philanthrop ist und bleibt. Doch seine Erfahrungen machen ihn auch zu einem Mahner, dessen Warnungen vor Rassismus, Antisemitismus sowie Gewaltherrschaft so glaubwürdig wie eindringlich sind.“

Ein wichtiger Meilenstein in Weintraubs Leben

Nach der Übergabe der Urkunde für die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät durch Prof. Dr. Jürgen Wienands, Forschungsdekan der Medizinischen Fakultät der UMG, bedankte sich Dr. Weintraub für die Ehrung mit den Worten: „Herzlichen Dank für die Auszeichnung, die ein sehr wichtiger Meilenstein in meinem langen Leben ist.”

Den musikalischen Rahmen bot Kilian Recknagel am Klavier.

Nach dem 2. Weltkrieg zur Karriere in der Frauenheilkunde

Dr. Leon Weintraub, geboren am 1. Januar 1926 im jüdischen Armenviertel in Łódź, Polen, ist Überlebender des Holocausts und des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sowie weiterer Konzentrationslager. Nach Ende des 2. Weltkrieges begann er 1946 sein Studium der Humanmedizin in Göttingen und kehrte 1950 nach Warschau, Polen, zurück. Im Jahr 1953 legte er seine Abschlussprüfung in Medizin ab und arbeitete ab 1954 als Assistenzarzt an der ersten Klinik für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe der Medizinischen Akademie Warschau (heute: Medizinische Universität Warschau). 1956 folgte eine Festanstellung an der Klinik.

Zeitzeuge setzt sich weiterhin für die Erinnerung des Holocausts ein

Er promovierte 1966 und übernahm im selben Jahr als Oberarzt die Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe im Stefan-Batory-Kreiskrankenhaus in Otwock bei Warschau. Aufgrund des wachsenden Antisemitismus und der März-Unruhen 1968 in Polen verlor er im Februar 1969 seine Oberarztstelle und emigrierte nach Schweden. Dort war er in verschiedenen Kliniken tätig, bis er 1991 in Ruhestand trat. Bis heute lebt er mit seiner zweiten Frau Evamaria Loose-Weintraub in Stockholm. Als Zeitzeuge setzt er sich seit Anfang der 1990er Jahre mit Vorträgen in Schulen und Gedenkstätten für die Erinnerung an den Holocaust ein.  

Die Ehrendoktorwürde im Fokus

Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde werden Persönlichkeiten geehrt, die sich durch besondere Verdienste um Wissenschaft, Technik, Forschungsförderung, Politik und Kultur im Kontext der Hochschulmedizin richtungsweisend hervorgetan haben und der Universitätsmedizin Göttingen und ihrer Medizinischen Fakultät besonders verbunden sind. Die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät wurde zuletzt 2022 an Dipl.-Kfm., Dipl.-Pol. Heinz Rüdiger Strehl, von 2009 bis 2021 Vorsitzender des Stiftungsausschusses Universitätsmedizin Göttingen, verliehen.

Textquelle: UMG

Fotonachweis: UMG, Swen Pförtner

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