Deutlich mehr Pixel als Blech gefragt

Kasseler EF-Chef Urban Hinz skizziert die vielfältigen Mobilitätskonzepte der Zukunft

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Was der digitale Wandel bringt „Das Cockpit künftiger Fahrzeug-Generationen wird mehr dem eines Flugzeugs ähneln“, so Urban Hinz. Foto: Mario Zgoll

Seit Oktober 2016 leitet Urban Hinz den Kasseler Standort der Emil-Frey-Gruppe (EF) an der Sandershäuser Straße, ehemals Mercedes-Benz. Der europaweit aktive EF-Verbund blickt auf eine über 100-jährige Historie zurück. Im vielstimmigen Konzert der großen Handelshäuser braucht sich die dynamische Gruppe nicht zu verstecken: Ihre 8.000 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz von mehr als acht Milliarden Euro pro Jahr. Und das mit zahlreichen Marken, „Mercedes-Benz gehört seit 2016 zum Portfolio“, so der Manager während eines Vortrags in der documenta-Stadt.

Das Bild des Automobilverkäufers in der Öffentlichkeit wird sich aus seiner Sicht wandeln müssen. Hinz verwies darauf, dass das Image seiner Branche auf den hinteren Plätzen der Beliebtheitsskala rangiere. Es gelte, verloren gegangenes Vertrauen wieder-
zugewinnen. Der Verkaufsberater müsse sich zum Gastgeber entwickeln.

Das hat damit zu tun, dass die Geschwindigkeit, mit der sich Veränderungen vollziehen, in den nächsten Jahren zunehmen wird. Gerade einmal zehn Jahre ist es her, dass das IPhone den Mobilfunkmarkt revolutionierte. Es markierte jedoch erst den Anfang des digitalen Wandels. „Das Cockpit künftiger Fahrzeug-Generationen wird mehr dem eines Flugzeugs ähneln“, prognostizierte Hinz.

Einen Aspekt der rasanten Entwicklung wird die Sprach- und Gestensteuerung verwirklichen und zu bislang ungeahnten Optionen führen. Eine davon dürfte das autonome Fahren werden, das die Rolle des Fahrers weitgehend auf kontrollierende Funktionen reduziert. Zu den willkommenen Effekten wird nach Hinz’ Erwartung zählen, dass die künstliche Intelligenz die Anzahl der Unfälle reduzieren und das Fahren bis ins hohe Alter erleichtern wird.

Umso besser wird das gelingen, je intensiver das Auto der Zukunft „lernt“. Wie ein erfolgreicher Sportler muss der Rechner trainieren, damit er Gefahren in Echtzeit erkennt und reagiert. Wie ist das Verhalten des Fußgängers auf dem Bürgersteig bzw. am Rand der Fahrbahn zu interpretieren? Steht er? Oder geht er? Was lässt sich aus seiner Körperhaltung erkennen? So lauten zentrale Fragen. Wie Hinz berichtete, beschäftigen sich Forscher aus dem Haus Continental intensiv damit.
Wo liegen die Grenzen? Dazu zeigte der Referent ein Foto, das den Stau im Kreisel und damit den typischen Pariser Berufsverkehr visualisierte. „Hier ist das autonome Fahrzeug derzeit noch überfordert“, räumte der 54-Jährige ein. Auch den Winter mag der autonome Pkw nicht. Wenn Schnee die Markierungen auf der Straße überlagert, kann die Kamera nur eingeschränkt „sehen“.

Wasserstoff als Favorit

Das E-Fahrzeug wird kommen. Davon zeigte sich Hinz überzeugt. Insbesondere werde es darum gehen, die Reichweite der Batterien zu erhöhen, die Ladegeschwindigkeit zu verbessern und die Kosten über Skaleneffekte in den Griff zu bekommen.

Keine Frage, staatliche Anreize helfen dabei. Der Dortmunder verwies auf das Beispiel Norwegen. Die Skandinavier fördern die Anschaffung eines E-Autos mit bis zu 9.000 Euro – und überlegen, ab 2020 selektive Fahrverbote für herkömmliche Mobile auszusprechen.

Große Bedeutung wird der Frage zukommen, wie rasch es gelingt, das notwendige Netz leistungsfähiger Ladestationen aufzubauen. Damit einhergehen wird der Kampf um Rohstoffe, „die der Übergangslösung E-Mobilität“, wie Hinz formulierte, zum Durchbruch verhelfen werden. Um es vorwegzunehmen, sein langfristiger Favorit ist das Wasserstoff-Auto. „Ihm gehört die Zukunft“, blickte der Manager in die kommenden Jahrzehnte.

Auf dem Logistiksektor betrachtet Hinz die E-Mobilität skeptisch. Um den Lkw mit den erforderlichen stromspeichernden Batterien auszustatten, komme schnell ein Ballast zusammen, der bis zu 50 Prozent des Gesamtgewichts bzw. der Transportkapazität ausmache.

Anders sieht es beim Bus aus. Hinz präsentierte das Foto eines im ÖPNV laufenden Fahrzeugs, das seine Akkus in der Dachkonstruktion mit sich führt. Der Bus bringt es auf eine Reichweite von 800 km und ist damit eine alltagstaugliche Alternative zu herkömmlichen Mobilen.

Die fortschreitende Digitalisierung wird das Auto zum gläsernen Gefährt machen. Wer ein gebrauchtes Fahrzeug kauft, wird sich via Datenauswertung ein exaktes Bild über seine Neuanschaffung sowie die Gewohnheiten des Vorbesitzers machen können. Die Daten lassen auch Rückschlüsse auf den Fahrstil jedes Nutzers zu, was insbesondere Versicherungen interessieren dürfte.

Nicht zuletzt ermöglichen es die Bits und Bytes, bestimmte Leistungs- und Ausstattungsfeatures gegebenenfalls nachträglich zu implementieren. Aus Sicht des Herstellers hat das den Charme, dass die Fahrzeuge ausschließlich in Vollausstattung produziert werden könnten. „Damit reduzieren sich in dem Prozess die Kosten wesentlich“, so der Automobilexperte.

Schreibtisch hat ausgedient

Was bedeutet das für das Autohaus der Zukunft? Obwohl sich der Interessent im Vorfeld seiner Kaufentscheidung immer mehr online informieren dürfte, wird der Beratungsbedarf vor Ort zunehmen. 82 Prozent der Kunden wünschen nach wie vor eine Probefahrt. Darin liegt eine Chance für den Berater. Hinz: „Während der Kunde früher vor dem Kauf im Durchschnitt fünfmal das Autohaus aufsuchte, sind es heute noch zwei Besuche. Die Zahl dürfte nach aktuellen Schätzungen auf anderthalb Anlässe zurückgehen.“

Darauf stellen sich der Kasseler EF-Chef und sein Team schon heute ein. Es gilt, dass das Autohaus kreativ sein Online- mit dem Offline-Angebot verzahnt. „Bei uns an der Sandershäuser Straße wird es nach dem Umbau keine klassischen Verkaufsräume mit Schreibtischen mehr geben“, erklärte der Diplom-Kaufmann. Stattdessen werden große Bildschirme Trumpf sein, 3D-Brillen zum Einsatz kommen und Lifestyle-Konfiguratoren die Szene prägen. Kurz: Mehr Fünf-Sterne-Ambiente als nüchterne Verkaufsatmosphäre, „mehr Pixel als Blech“, wie Hinz es zuspitzte.