Auf die Perspektive kommt es an

Kasseler Trainerin Bettina Lomen beleuchtet das Reframing im systemischen Coaching

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Freiheit der Betrachtungsweise Einen anderen Blickwinkel wählen? Trainerin Bettina Lomen (links) im Coaching-Gespräch. Foto: Mario Zgoll

Kennen Sie das? In Ihrem Unternehmen wird daran gearbeitet, wie ein neues Produkt positioniert werden soll. Ein Mitglied des Teams treibt die Kollegen schier zum Wahnsinn, weil es immer wieder darauf insistiert, Bestehendes zu bewahren.

Wie stellt sich die Situation dar, wenn sie in einem anderen Rahmen betrachtet wird? Etwa so: Das bedeutet auch, dass es Aspekte gibt, die sich bewährt haben; deshalb sollen diese weiterhin einen Platz haben. Oder: Das bedeutet auch, dass der Mitarbeiter Kunden im Blick hat, die mit der bewährten Strategie erreicht wurden. Oder: Das bedeutet auch, dass der Bewahrer ein Bremser im positiven Sinn ist, der Bewährtes und Neues miteinander abgleicht.

Dazu passt Nils Bachmanns Statement. Der Vertriebschef eines international tätigen IT-Unternehmens berichtet: „In Besprechungen meiner Teams setze ich häufig auf Reframing. Denn es hilft uns, kreative Lösungen zu finden.“

Wohin kann ein anderer Blickwinkel führen? Durch Umdeuten, das sogenannte Reframing, wird das Geschehene in einen alternativen Rahmen (= frame) gestellt und erhält dadurch einen neuen Sinn. Dahinter steht die Erkenntnis, dass es von der Perspektive abhängt, wie wir die Realität wahrnehmen. Die Geschichte kann einen gänzlich neuen Sinn annehmen, wenn sie in einem alternativen Licht erzählt wird. 

Im Unternehmenskontext bedeutet das etwa: Ob ein Konflikt als Problem wahrgenommen oder der Blick auf Chancen sowie Möglichkeiten gerichtet wird, hängt entscheidend vom Blickwinkel ab. Zum Beispiel, wenn ein Mitarbeiter argumentiert: „Eine Zusatzqualifikation neben Beruf, Familie und privaten Interessen zu erwerben, ist mit viel Arbeit, einem großen Aufwand und einer starken Belastung verbunden.“ Das Reframing könnte lauten: „Das bedeutet auch, dass die Zusatzqualifikation eine Herausforderung ist, Schwerpunkte im Alltag neu zu setzen.“ Oder: „Das bedeutet auch, mit der weiteren Qualifikation berufliche Wünsche zu erfüllen und mehr Zufriedenheit zu erreichen.“

Position in Frage stellen 

Ein anderes Beispiel: „Ich kann mich nicht zwischen zwei Stellen entscheiden.“ Mögliches Reframing: „Das zeigt, dass Sie sich mit Ihren Bedürfnissen auseinandersetzen.“ Oder: „Das bedeutet auch, dass Sie sich mit Ihren Fähigkeiten in beiden Unternehmen gut aufgehoben fühlen.“

Ein drittes Exempel: „Der Mitarbeiter streitet häufig mit anderen.“ Der Perspektivwechsel könnte heißen: „Der Mitarbeiter ist engagiert und sorgt für klare Grenzen.“ Oder: „Wenn es um klare Aussagen geht, ist er in der Lage, eine eindeutige Position einzunehmen.“ Diese Fälle machen deutlich, dass der zentrale Aspekt des Refraimings darin liegt, die bisherige Sicht auf die Dinge in Frage zu stellen.

Fazit: Fast jeder kennt das Gefühl, von der Spitze eines Berges in die Weite zu schauen. Man atmet tief durch, die Begeisterung über sichtbare Details in der Ferne bricht durch. In einem anderen Kontext kann das heißen: Erleichterung und Freiheit in der Betrachtungsweise ebnen den Weg zur passenden Lösung. 

Oder mit Marc Aurels Worten: „Sieh’ die Dinge einmal von einer anderen Seite als bisher. Das heißt, ein neues Leben zu beginnen.“

DOPPELT ZERTIFIZIERT
Bettina Lomen hat Betriebswirtschaftslehre und Sport studiert. Als Trainerin engagiert sich die Diplom-Handelslehrerin in mittelständischen Unternehmen. Dazu bildete sie sich als systemischer Coach (IHK- und ECA-zertifiziert) sowie im Hinblick auf das Stressmanagement weiter.