„An der Nachverdichtung führt aus meiner Sicht kein Weg vorbei“

Immobilien-Expertin Ricarda Frede im Interview

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Als Projektentwicklerin ist Ricarda Frede seit über 25 Jahren am nordhessischen Immobilienmarkt aktiv. Die Immobilien-Fachwirtin leitet ihr Familienunternehmen. Im Vorstand der Kasseler Sektion des Deutschen Wirtschaftsrates engagiert sie sich darüber hinaus auf gesellschaftlicher Ebene.

Frau Frede, wie hat sich der nordhessische Immobilienmarkt aus Ihrer Sicht als Projektentwicklerin in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt?
In meiner langjährigen Erfahrung beobachte ich, dass es in dieser Region immer mehr Menschen gibt, die eine moderne, barrierefreie Eigentumswohnung erwerben möchten, um möglichst unabhängig zu leben. Die Interessenten kommen aus Nordhessen, aber auch von weiter her. Eine Rolle spielen die guten Verkehrsanbindungen, die vielfältigen Freizeitmöglichkeiten, das Kasseler Weltkulturerbe sowie die documenta.

Welche Motivationsfaktoren leiten die Investoren?  
Immer mehr Großinvestoren, Banken und Erbengemeinschaften sind unter den Interessenten. Ihr Blick richtet sich auf ganze Wohnanlagen oder -häuser. Diese wollen sie erwerben, um sie dem Markt anschließend als Mietobjekte zur Verfügung zu stellen.

Derartige Projekte sind in der öffentlichen Wahrnehmung keineswegs unumstritten. Wie reagieren Sie darauf?
Ganz klar: Wir brauchen die sogenannte Nachverdichtung. Das gilt insbesondere in den städtischen Räumen. Wir können nicht unbegrenzt neue Gebiete erschließen und damit weitere Flächen versiegeln!

Was bedeutet das im konkreten Fall?
Auch wenn mir nicht jeder zustimmen wird, geht das so weit, dass mitunter ältere Gebäude abgerissen werden, um in häufig attraktiven Lagen – wie im begehrten Kasseler Stadtteil Harleshausen – Häuser zu errichten. Damit müssen Gebäude aus den 60er-, 70er- und 80er-Jahren weichen, um dort Neues und Zeitgemäßes zu bauen.

Vielfach steht dem der Bebauungsplan entgegen. Wie sehen Sie diesen Aspekt?
Es gilt, großzügiger zu bauen und damit stärker in die Höhe zu gehen – fünf oder sechs Etagen, statt den vorher zwei Stockwerken. Damit können wir mehr Wohnraum auf der gleichen Fläche unterbringen.

Was halten Sie Stimmen entgegen, die davon sprechen, dass derartige Gebäude nicht in die Umgebung passen?
Was heißt das, nicht in die Umgebung passen? Menschen verändern sich ebenso wie Bedürfnisse. Wir brauchen die Infrastruktur des städtischen Ambientes, von der Verkehrsanbindung bis zum Theater. Wer beispielsweise seinen Bungalow in Calden baut, muss mitunter täglich einen weiteren Weg zu seinem Arbeitsplatz fahren. Wollen wir das unter ökologischen Gesichtspunkten wirklich?

Inwieweit gibt es Kommunen, die hier mit gutem Beispiel vorangehen?
Ein gutes Exempel für die gelungene Nachverdichtung bietet Hamburg. Dort gehen viele neue Bauten in die Höhe. Das lassen die aktuellen Bebauungspläne dort zu.

Nicht zuletzt der demografische Wandel fordert diese Entwicklung geradezu. Denn die Menschen hierzulande werden bei stabiler Gesundheit immer älter und benötigen unkompliziert zugänglichen, komfortablen Wohnraum. Per Aufzug in der fünften Etage problemlos erreichbar, sind zwei oder drei Zimmer vielfach genug.

So lassen sich mehr Einheiten auf gleicher Fläche gestalten. Im Zeitalter vielfältiger mobiler Systeme, die ärztliche Versorgung, Pflege oder die Verpflegung gewährleisten, ist das der richtige Weg.

Nun sind es nicht nur Best Agers, die ihr Geld in Immobilien anlegen. Auch jüngere Leute tun das, was in Zeiten niedriger Zinsen durchaus Sinn macht. Was raten Sie ihnen?
Gerade junge Leute sollten die aktuelle Niedrigzinsphase nutzen und eine Eigentumswohnung erwerben – auch wenn sie über wenig Eigenkapital verfügen. Betrachtet man die niedrigen Zinsen und den Sparfaktor, so ergibt sich häufig eine Belastung, die kaum höher ist als die Mietbelastung wäre.

Projektentwicklerin Ricarda Frede „Ein gutes Exempel für die gelungene Nachverdichtung bietet Hamburg. Dort gehen viele neue Bauten in die Höhe. Das lassen die aktuellen Bebauungspläne dort zu.“ Fotos: Karl-Hermann Möller

Leider spielen mitunter die Banken nicht mit, da sie ein höheres Eigenkapital verlangen. Dann halte ich die Frage dagegen: Was ist eigentlich eine bessere Absicherung als ein günstiger und nachhaltiger Wohnraum?
In dem Zusammenhang ist aus meiner Sicht die öffentliche Hand gefragt, um mit Förderprogrammen zu helfen. Gerade junge Leute können so einen wichtigen Beitrag zu ihrer Altersversorgung leisten. Kinder- und Eigenheimzulagen waren in der Vergangenheit wirkungsvolle Instrumente. Vielleicht sollten sich heutige Politiker an früheren Erfolgsmodellen ein Beispiel nehmen.

Zurück zur Nachverdichtung. Mitunter argumentieren fundamentalistisch orientierte Politiker, dass Sie und Ihre Kollegen vor allem auf Stadtvillen und uniform gestaltete Gebäude setzen. Was halten Sie von der Argumentation?
Architektur soll individuell sein dürfen. Wir müssen den Mut haben, kreativer, bunter und außergewöhnlicher zu gestalten. Schließlich ist Kassel, um es am Beispiel festzumachen, die documenta-Stadt und damit den Künsten verbunden. Daraus schließe ich, dass in Sachen Bebauung Ansätze zugelassen werden, die der Kreativität mehr Raum geben sollten als anderswo.

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