Gesundheit
Veröffentlicht am: 08.08.2026 15:39, Lesezeit: 5 Minuten

Ottobock und Microsoft schaffen offene Bilddatenbank

Künstliche Intelligenz kann viel, aber Menschen mit Behinderung abbilden geht oft schief. Wer von einer KI Bilder von Menschen mit Prothesen erstellen lässt, erhält häufig verzerrte Darstellungen: Cyborgs, Science-Fiction-Figuren oder anatomisch falsche Körper statt realistischer Alltagsszenen im Büro, auf dem Spielplatz oder beim Sport. Die Ursache liegt in den Trainingsdaten: Menschen mit Behinderung kommen darin zu selten vor oder werden einseitig dargestellt.

Frei verfügbarer Bilddatensatz

Gemeinsam mit Prothesennutzenden möchte Ottobock diese Lücke schließen und veröffentlicht deshalb heute die #DearAI Community Library: einen frei verfügbaren Bilddatensatz, der KI-Systemen realistischere Darstellungen von Menschen mit Arm- und Beinprothesen ermöglicht. Microsoft hat den Aufbau der Plattform technologisch unterstützt.

„Für uns geht es nicht nur um bessere KI-Bilder. Es geht darum, wer in der digitalen Welt von morgen sichtbar ist – und wer nicht“, sagt Martin Böhm, Chief Experience Officer bei Ottobock.

„KI prägt zunehmend, wie Menschen und ihre Lebensrealitäten wahrgenommen werden. Deshalb darf Vielfalt nicht an der Schwelle zur künstlichen Intelligenz verloren gehen. Mit der #DearAI Community Library tragen wir dazu bei, dass Menschen mit Behinderungen auch in KI-generierten Bildern selbstverständlich und authentisch repräsentiert werden.“

Menschen mit Prothesen sind in KI-Bildern unsichtbar

Eine wissenschaftliche Auswertung von 2025[i] zeigt: Bei 444 KI-generierten Bildern von 37 Berufen war keine einzige Person mit sichtbarer Behinderung abgebildet. Wenn Behinderung in KI-generierten Darstellungen überhaupt vorkommt, dominiert der manuelle Rollstuhl. Die Lebensrealität von Menschen mit Amputation, angeborenen Fehlbildungen von Armen oder Beinen (Dysmelie) und anderen Behinderungen bleibt weitgehend unsichtbar.

KI-generierte Bilder werden immer wichtiger

Das ist mehr als ein Darstellungsproblem. KI-generierte Bilder werden zunehmend für Werbung, Medien, Präsentationen und soziale Netzwerke genutzt. Die Reichweite der Technologie ist enorm: Aus von Google veröffentlichten Nutzungszahlen[ii] lässt sich ableiten, dass allein über die Nano-Banana-Modelle zuletzt rund 200 Millionen Bilder pro Tag generiert wurden.

Dadurch beeinflussen KI-Systeme immer stärker, welche Menschen, Berufe und Lebensrealitäten sichtbar werden. Wissenschaftliche Untersuchungen[iii] zeigen, dass verzerrte Darstellungen bestehende Stereotype verstärken und gesellschaftliche Vielfalt nur unzureichend abbilden können.

Verantwortungsvolle und sichere KI-Nutzung

„Millionen Menschen nutzen jeden Tag KI – und so beeinflussen die Ergebnisse der Modelle unsere Sicht auf die Welt”, sagt Agnes Heftberger, CEO Microsoft Deutschland und Österreich. „Menschen mit Behinderungen oder Amputationen müssen selbstverständlich ihren Platz in KI-generierten Bildern haben, damit sie sichtbar sind.”

Microsoft hat sich in den Responsible AI Principles eigene Richtlinien gegeben, wie KI verantwortungsvoll und sicher entwickelt und genutzt werden sollte. Heftberger: „Inklusivität ist ein sehr wichtiger Faktor für verantwortungsvolle KI. Wir bringen aus voller Überzeugung unsere technologische Kompetenz ein, um Betroffenen eine authentische Repräsentation nach ihren Vorstellungen zu ermöglichen.”

Der KI zeigen, wie echtes Leben aussieht

Auch Andreas Onea kennt verzerrte Darstellungen aus eigener Erfahrung. Der Paralympics-Schwimmer, Bronzemedaillengewinner von Rio 2016 und TV-Moderator verlor als Kind bei einem Autounfall seinen linken Arm. Als zu Beginn des KI-Hypes viele Menschen Bilder von sich als Action-Figur generieren ließen, wollte auch Onea diesen Trend ausprobieren.

Doch die KI verweigerte zunächst die Darstellung, angeblich wegen eines Verstoßes gegen Inhaltsbestimmungen. Nach mehreren Versuchen entstand zwar ein Bild mit seinem Namen, aber nicht mit seinem Körper: Die Figur hatte einen halben Arm mehr. „Das war klar nicht ich“, sagt Onea.

Für ihn zeigte diese Erfahrung, wie schnell fehlende Repräsentation zu fehlender Teilhabe wird. Deshalb brachte er seine Perspektive in die Entwicklung der Community Library ein. „Wer nicht sichtbar ist, findet nicht statt“, sagt Onea. „Wir wollen der KI zeigen: Menschen mit Behinderungen sind Teil unserer Welt und unserer Gesellschaft. Wir sind dabei, wir tragen etwas bei – und genau das muss auch in KI-Bildern sichtbar werden.“

Trainingsdaten für eine inklusivere KI

Die #DearAI Community Library folgt einem Grundgedanken, der Ottobock in seinen Kampagnen leitet: nicht über Menschen sprechen, sondern mit ihnen. Für die Entwicklung der Bilddatenbank hat das Unternehmen eine internationale Gruppe von Prothesennutzenden eingebunden. Auf einer von Microsoft bereitgestellten Plattform definierten sie Kriterien für realistische und respektvolle Darstellungen.

800 nutzbare Bilder in zwei Bibliotheken

Mehr als 60 Teilnehmende aus aller Welt reichten Bilder und Videos ein, die anschließend gesichtet, ausgewählt und annotiert wurden. Entstanden sind zwei Bibliotheken mit insgesamt rund 800 für KI-Systeme nutzbaren Bildern: eine zeigt Menschen mit Behinderungen an den oberen Gliedmaßen, die andere an den unteren Gliedmaßen.

Bildatenbank als Herzstück der Kampagne

Die neue Bilddatenbank ist das Herzstück der Kampagne #DearAI, in der sich ProthesenträgerInnen direkt an die KI wenden und ihre Lebensrealität zeigen, darunter Fechtmeisterin Bebe Vio, Bergsteiger Hari Budha Magar und Hochspringer Ezra Frech. Mit der neuen Initiative setzt Ottobock sein Engagement für Sichtbarkeit und Inklusion im digitalen Raum fort.

Darstellung von Menschen mit Behinderungen in generativer KI

Nach den Kampagnen #IamAMountain, #TheUnofficialDiscipline und #InvisibleClass richtet das Unternehmen den Blick nun auf die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in generativer KI und schafft eine konkrete technologische Lösung für das Problem: Die Bilddatenbank ist ab sofort kostenfrei unter https://huggingface.co/ottobock verfügbar und richtet sich an alle, die mit KI arbeiten – von Forschung und Entwicklung über Marken und Kreativagenturen bis hin zu einzelnen Creatorn.

Weitere Informationen zur Initiative unter „Dear AI“ von Ottobock. Für eine inklusivere KI.

Textquelle: Ottobock

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