Wo andere nur verfallenden Backstein sahen, erkannte ein Investor das Potenzial für ein zukunftsweisendes Leuchtturmprojekt: Das historische Sudhaus an der Kasseler Hafenstraße. Mit einem Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro entsteht hier ein komplexes System aus moderner Beherbergung, Brauhauskultur und innovativer Modulbauweise.
Denkmalschutz und wirtschaftliche Resilienz
Im Gespräch erklärt Thomas Nähler, warum sich Denkmalschutz und wirtschaftliche Resilienz nicht ausschließen und weshalb das Areal pünktlich zur nächsten documenta im kommenden Jahr zum neuen Hotspot der Kasseler Stadtlandschaft werden soll.
Das Sudhaus an der Hafenstraße befand sich über Jahre in einem „Dornröschenschlaf“. Welches spezifische Potenzial hat Sie dazu bewogen, gerade dieses denkmalgeschützte Industrieareal mit einem Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro zu revitalisieren?
Das Sudhaus allein ist ohne ein Hotel nicht rentabel. Da ich in Kassel ein Grundstück suchte, auf dem ich ein Hotel mit Konferenzzentrum etablieren konnte, und mich die Lage hier aufgrund verschiedener Faktoren überzeugte, habe ich mich für dieses Grundstück entschieden und es erworben. Daraus ist nun ein Gesamtkonzept aus Gastronomie und Hotelbetrieb entstanden.
Ein solches Industriedenkmal lässt sich rein durch eine gastronomische Nutzung heute kaum noch wirtschaftlich tragfähig betreiben. Das Sudhaus allein hätte sich schlicht nicht gerechnet. Mein Ziel war es jedoch, in Kassel einen Standort für ein modernes Hotel mit angeschlossenem Konferenzzentrum zu finden.
Um das Areal aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken, haben wir daher ein ganzheitliches Gesamtkonzept entwickelt: Die historische Substanz des Sudhauses bildet das Herzstück, wird aber durch den Hotelbetrieb und die Tagungskapazitäten wirtschaftlich erst ermöglicht.
Sie betonen, dass Gastronomie allein kaum rentabel zu betreiben sei. Inwiefern fungiert das Zusammenspiel aus Hotelbetrieb, Brauhaus und Eventflächen als resilienter wirtschaftlicher Stabilisator für das Gesamtprojekt?
Die wirtschaftliche Logik dahinter ist klar: Während das Beherbergungsgeschäft das stabile Fundament der Rentabilität bildet, erweitern wir durch die Kombination verschiedener Säulen unser Erlösmodell. Wir setzen auf eine breite Diversifikation der Zielgruppen: Vom klassischen Seminargast über Hochzeitsgesellschaften und Event-Teilnehmer bis hin zum touristischen Tagesgast im Biergarten decken wir ein enormes Spektrum ab.
Ein entscheidender, oft unterschätzter Faktor ist dabei die strategische Lage. Wir befinden uns hier an einem zentralen Knotenpunkt des nordhessischen Radwegenetzes.
Ab Mai passieren täglich über 2.000 Radfahrer unser Areal – das ist eine Frequenz, die den Standort zu einem touristischen Ankerpunkt macht, egal ob es Richtung Nordsee oder in den Süden geht.
Mit rund 100 geplanten Zimmern und Tagungskapazitäten für bis zu 1.000 Personen adressieren Sie eine signifikante Marktgröße. Wie balancieren Sie die Bedürfnisse von Geschäftsreisenden und Messegästen mit dem Anspruch, ein Identifikationsort für die lokale Nachbarschaft zu sein?
Zunächst zur Einordnung der Größenordnung: Wir planen in der finalen Ausbaustufe sogar 148 Zimmer, während unser Konferenzzentrum Kapazitäten für insgesamt 400 Personen bietet. Diese Skalierung ist bewusst gewählt, denn eine gewisse kritische Masse ist für die langfristige Rentabilität eines solchen Objekts essenziell.
Was die Zielgruppen angeht, ist der Standort schlichtweg ideal positioniert. Wir profitieren von einer einzigartigen infrastrukturellen Anbindung: Die Messe Kassel liegt fast vor der Tür, die Autobahn ist in fünf Minuten erreichbar und auch die Innenstadt ist fußläufig erreichbar.
Mit der unmittelbaren Nähe zur Universität, den städtischen Kliniken und Global Playern wie SMA bedienen wir ein hochkarätiges Segment an Geschäftsreisenden und Messegästen.
Trotz dieser internationalen Ausrichtung ist es mir ein persönliches Anliegen, das Areal für die Menschen in Kassel zu öffnen. Das Brauhaus und der Biergarten sollen eben kein exklusiver Rückzugsort für Hotelgäste sein, sondern ein lebendiger Treffpunkt für die Nachbarschaft.
Ihr Konzept setzt auf „behutsame Weiterentwicklung statt radikalen Umbruch“. Wie integrieren Sie moderne modulare Bauweisen und Holzständertechnik in die historische, denkmalgeschützte Backsteinsubstanz des Sudhauses?
Hier müssen wir differenzieren, denn das Projekt ruht architektonisch auf drei völlig unterschiedlichen Säulen. Eine direkte bauliche Vermischung im denkmalgeschützten Bestand ist weder machbar noch im Sinne des Denkmalschutzes. Stattdessen verfolgen wir eine klare Zonierung:
Das historische Sudhaus: Hier steht der Erhalt im Vordergrund. Wir sanieren und revitalisieren die Backsteinsubstanz streng nach den geltenden Denkmalvorgaben. Hier bleibt die Geschichte spürbar und unverfälscht.
Das Verwaltungsgebäude: Da dieser Gebäudeteil nicht unter Denkmalschutz steht, nutzen wir hier die Vorteile der Holzständerbauweise. Wir setzen zwei zusätzliche Etagen auf den Bestand auf. Das ist eine ökologische und statisch effiziente Lösung, um neuen Raum zu schaffen.
Der Mitteltrakt (Neubau): Das Herzstück der Beherbergung mit 80 Zimmern entsteht in innovativer Modulbauweise. Während Deutschland bei diesem Verfahren lange zögerte, nutzen wir nun die volle Effizienz: Die Hotelzimmer werden inklusive der Bäder industriell vorgefertigt, per LKW angeliefert und vor Ort präzise zusammengesetzt. Nach dem finalen Innenausbau und der Fassadengestaltung ist dieses hochmoderne Gebäude bezugsfertig. Abgerundet wird das Ensemble durch kreative Umnutzungen im Außenbereich: So planen wir beispielsweise, einen alten Eisenbahnwaggon in eine markante Open-Air-Bühne zu verwandeln.
Welche Rolle spielt ein solches niederschwelliges Kulturangebot für die Markenbildung und die Attraktivität des Quartiers im Standortwettbewerb?
Aus meiner langjährigen Erfahrung als Betreiber der Orangerie weiß ich: Eine Bühne ist ein Magnet. Damals wie heute ziehen kulturelle Darbietungen Menschen an und schaffen eine unverwechselbare Atmosphäre. Dieses lebendige Konzept, das ich in Kassel aktuell schmerzlich vermisse, möchte ich im Sudhaus wieder etablieren.
Unser Ziel ist es, jungen Musikern eine Bühne zu bieten und ein Programm zu kuratieren, das auch die nächste Generation anspricht – von Live-Acts bis hin zu DJ-Sets. Es geht darum, Kultur nahbar und erlebbar zu machen.
Damit setzen wir ein klares Statement im Standortwettbewerb: Das Sudhaus ist kein steriler Übernachtungsort, sondern ein pulsierender Kulturraum, der eine Lücke in der Kasseler Stadtlandschaft schließt. Diese Authentizität ist unser stärkstes Argument in der Markenbildung.
Wenn das Projekt im kommenden Jahr weitgehend fertiggestellt wird, welches exklusive Erlebnis versprechen Sie einem anspruchsvollen Gast?
Zunächst ist es wichtig, den Zeitplan realistisch einzuordnen, denn wir entwickeln dieses Areal in wohlüberlegten Etappen. Den ersten Meilenstein setzen wir bereits im Mai mit der feierlichen Eröffnung der Gastronomie. Darauf aufbauend planen wir, vorbehaltlich der finalen Genehmigungen, im November 2026 die ersten 44 Zimmer im Verwaltungsgebäude in Betrieb zu nehmen.
Pünktlich zur nächsten documenta im Frühjahr 2027 folgt dann das eigentliche Herzstück: Die 24 exklusiven Zimmer im historischen Sudhaus werden fertiggestellt sein und bieten Gästen das einzigartige Erlebnis, inmitten denkmalgeschützter Industriearchitektur mit höchstem modernem Komfort zu wohnen.
Nach der Weltkunstschau gehen wir unmittelbar in den Endspurt für den modernen Mitteltrakt mit weiteren 80 Zimmern sowie dem großzügigen Spa- und Fitnessbereich. Dank der effizienten Modularbauweise können wir den Gesamtkomplex schließlich im Frühjahr oder Sommer 2028 vollenden.
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